Das ist bekannt: An den WIFIs gibt es das breiteste Weiterbildungsangebot. Darunter viele Spezialausbildungen, die nicht so ganz alltäglich sind. Im Rahmen unserer aktuellen Kampagne „Lern dich weiter“ holen wir sie vor den Vorhang. Diesmal: Vergolder/innen.

(c) Martin Kalchhauser

Anna Ochsenbauer, Vergolderin, bei der Arbeit an einem Kapitell. Foto: Martin Kalchhauser

Anna Ochsenbauer wollte immer etwas Handwerkliches machen. Als erstes Mädchen begann sie ihre Lehrausbildung. Vergolderin, weil es ihr wichtig war, nicht am Samstag zu arbeiten, 30 Kilometer von zu Hause entfernt. Nach der Meisterprüfung und vielen Jahren Praxis ist Frau Ochsenbauer seit Mitte der 80er selbstständig als Vergolderin.

WIFI-Blog: Sind Sie Künstlerin?

Anna Ochsenbauer: Nein, bin ich nicht! Künstlerin ist für mich jemand, der bereits im Kopf hat, was die Hand dann ausführt. Und das mache ich nicht.

Bei einem guten Schnitzer beispielsweise, steht schon was dahinter. Man muss sich auch bewusst sein, dass man mit Schätzen arbeitet! Wirklich historischen Kunstschätzen.

Sie restaurieren und vergolden. Was machen Sie da genau?

Ich restauriere in Kirchen und Stiften das Innere, das Inventar. Das sind Altäre, Orgelgehäuse, Bilderrahmen, Figuren und vieles mehr. Manchmal kommen auch weitere Handwerker hinzu, ein Tischler z.B. bei den Kirchenbänken. Ich mache aber auch Auftragsarbeiten wie Bilderrahmen oder Figuren. Es ist vielseitig.

Hatten Sie manchmal Angst, dass Sie dabei etwas kaputt machen?

Nein, das nicht. Wir haben gelernt: Alles abdrehen! Denn es gibt ja elektrische Geräte vor Ort. Ich bin schon des Öfteren aufgewacht und habe mir gedacht: ‚Habe ich das alles ausgesteckt?‘ Aber man lernt, damit umzugehen.

Bei den Arbeiten in einer Kirche ist es sicher von Vorteil, schwindelfrei zu sein.

Teilweise arbeitet man sehr weit oben, ja. Also wenn man in einem Stift auf die Kuppel blickt, oben auf die Kapitelle*, sind dort auch Teile vergoldet. Meistens wird zwar in der Kuppel ein Plateau (Gerüst) eingezogen, aber dennoch ist es ein Erschwernis, weil es keinen Lift gibt. Und wenn man mal 130 Stufen raufmarschiert …

… sollte man auch körperlich fit sein?

Ja. Und man sollte auch ruhig sein. In einer Umgebung wie in einer Kirche jähzornig zu sein – geht gar nicht. Wenn jemand handwerkliches Geschick hat und zusätzlich auch noch schnitzen kann, ist das natürlich ganz toll.

Aber lernt man das auch?

Gewisse Sachen kann man lernen, gewisse Sachen müssen schon angeboren sein, wie das Schnitzen. Auch wichtig: Man sollte sich mit seiner Arbeit beschäftigen. Ich beispielsweise gehe gern und oft in Ausstellungen und Kirchen. Ganz egal, wo ich bin. Ich gehe sogar gerne auf Friedhöfe, weil mich die Gestaltung der Gräber interessiert. Man lernt sehr viel durchs Hinschauen, Studieren.

Wie gestalten sich Ihre Arbeitstage?

Es ist sehr abwechslungsreich. Jedes Projekt, jeder Auftrag. Das ist toll. Man hat nicht so einen Druck wie in einem Büro. Ich meine, da hätten sie mich schon lange rausg’haut! Auf der anderen Seite wäre ich wohl auch in diese Aufgaben hineingewachsen.

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Haben Sie eigentlich einen bestehenden Betrieb übernommen?

Nein, nein! Das ist alles selbst entstanden. Wenn man zum Beispiel jahrelang an einem Stift arbeitet, dann kennen einen die Leute. Sie wissen, was man alles gemacht hat. Damals war die Konkurrenz auch noch nicht so groß, wie sie es heute ist.

Welche Herausforderungen gibt es im Berufsalltag? Kennen Sie Zeitdruck?

Teilweise. Wenn man ein größeres Projekt wie eine Kirche hat, wird dort dann sowieso keine Messe abgehalten. Meist ist ein Abschnitt gesperrt, wo man immer arbeiten kann. Vor einigen Jahren aber durften wir in einem Stift nur in der Zeit nach Allerheiligen bis vor der Karwoche arbeiten.

Heute ist allerdings die Konkurrenz sehr groß. Früher gab es auch klar definierte „Reviere“, man hat gewusst wer in welchem Gebiet arbeitet und daran haben sich alle gehalten. Heute arbeiten Fachkräfte aus aller Welt in Österreich.

Was war ein Projekt, bei dem Ihnen so richtig das Herz aufgegangen ist?

Was sehr, sehr schön war, war die Arbeit am Orgelgehäuse in Wien in der Dominikanerkirche in den 90er Jahren. Es hat mich besonders gefreut, dass ich als Niederösterreicherin und als Frau den Auftrag bekommen habe und das aufgrund einer Musterarbeit. Das war damals noch eine andere Zeit.

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