5.018 Unternehmen meldeten im Jahr 2019 Insolvenz an – soweit die Faktenlage laut aktueller Insolvenzstatistik des KSV1870. Nicht immer ist Scheitern das Ende, sondern die Chance für einen Neuanfang – wie bei Anne Kork. Die gebürtige Britin hat Scheitern am eigenen Leib erfahren – 1999 ein Unternehmen gegründet, das 2001 als bestes Start-up Deutschlands ausgezeichnet wurde, und 2003 Insolvenz angemeldet – und das Beste aus der Situation gemacht: sich auf das besonnen, was sie hatte, statt auf das, was nicht mehr da war.

Traumstart mit innovativer Geschäftsidee

Anne Koark (c) Andreas Milberg

Aber alles von Anfang an: 1999 gründete Anne Koark mit einer Geschäftspartnerin ein Unternehmen, das ausländische Betriebe unterschiedlichster Branchen dabei unterstützte, am deutschen Markt Fuß zu fassen. Die Leistungen reichten vom Aufbau eines Vertriebs über das Marketing und die Organisation von Events bis hin zur Vermietung von Büroräumen. Und besser hätte der Start für Anne Koark, die aus Vorsicht ihre Selbstständigkeit anfangs nur als Nebentätigkeit ausübte, gar nicht laufen können: „Ich hatte nur 48 Stunden nach der Gründung bereits zwei Silicon-Valley-Unternehmen als Kunden“, erzählt die Münchnerin.

Von 1.200 Prozent Plus zum Auftrags-Sinkflug

In diesem Tempo ging es auch weiter: „Die Dinge nahmen ihren Lauf, wir wurden empfohlen, und bald entdeckte uns auch die Presse.“ Am Ende des Jahres 1999 gab es so viel Arbeit, dass Koark sich entscheiden musste: entweder die Firma ganz oder gar nicht. Sie entschied sich für „ganz“, denn anders wäre es mit einem Umsatzwachstum von monatlich 1.200 Prozent nicht mehr zu bewältigen gewesen. Die Bürofläche wurde verdoppelt. Doch dann passierte am 11. September 2001 der Terroranschlag in New York. Als Folge davon verschlechterte sich die Auftragslage dramatisch. „Damals waren insgesamt 15 Mitarbeiter im Unternehmen beschäftigt, deren Engagement für Anne Koark überwältigend war. „Sie hatten sich ohne mein Wissen an einem Wochenende getroffen und sich gemeinsam Vorschläge überlegt, wie man die Firma retten könnte.“ Mitarbeiter verzichteten teilweise auf ihr Gehalt, Lieferanten stundeten Zahlungen. Mit der Freude über die angebotene Hilfe wuchs aber auch der Druck für Anne Koark, diese Menschen nicht zu enttäuschen.

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Was blieb: Ehre, Fleiß und Arbeitskraft

Anne Koark musste dennoch Insolvenz anmelden. Auto weg, Wohnung weg, Bankomat- und Kreditkarten weg. „Da habe ich mich gefragt, was sie mir nicht nehmen können. Und das waren meine Ehre, mein Fleiß und meine Arbeitskraft.“ In dieser schwierigen Zeit schrieb sie einen Artikel über ihre Situation und schickte ihn an über 700 Journalisten. Der Text wurde auf wallstreet:online veröffentlicht, und sie bekam über 1.000 Dankesbriefe von Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, schon eine Insolvenz hinter sich hatten oder leidtragende Angehörige waren. „Die Menschen waren dankbar, dass jemand dieses Tabuthema ansprach und eine Lanze für alle jene brach, die nicht durch kriminelle Machenschaften in die Insolvenz gerieten, sondern einfach, weil sie Fehler gemacht hatten.“ Das motivierte Anne Koark dazu, das Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich“ zu schreiben. „Innerhalb von drei Wochen war es fertig“, so Koark. Dieses Buch veränderte alles.

Bestseller über Insolvenz brachte die Wende

Ihr Werk hielt sich sieben Monate in der Bestsellerliste. Koark wurde eingeladen, über ihre Insolvenz zu sprechen, und mit Auszeichnungen – u. a. mit dem deutschen Lady Business Award – für ihren Kampf gegen das Scheitern gewürdigt. „Sogar die EU-Kommission bat mich, über dieses wichtige Thema zu sprechen.“ Ein Jahr danach stand sie gemeinsam mit der damaligen deutschen Bundesjustizministerin auf der Bühne und sprach mit ihr über das Problem, dass bei Selbstständigen sogar die Rente in die Insolvenzmasse einfließt – etwas, was auch Anne Koark betraf. Die Ministerin versprach eine Gesetzesänderung, die später auch umgesetzt wurde. Insgesamt sechs Jahre dauerte Anne Koarks Insolvenz. „Und weitere dreieinhalb Jahre gab es die Einträge dazu in den Auskunftsdateien.“ Heute hält Anne Koark immer noch Vorträge zu diesem Thema und arbeitet erfolgreich in der Beratung von Unternehmen, vorzugsweise bei hochinnovativen Start-ups. Sie hat es geschafft, durch das Scheitern zu wachsen und heute andere zu unterstützen. Eine Weisheit aus ihrer Heimat England hat ihr dabei geholfen: Nicht der hinfällt, ist ein Versager, sondern der, der nicht wieder aufsteht.

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