Klaudia Bachinger war viele Jahre beim Film – und eigentlich wollte sie auch dort bleiben. Bis eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Chef, ihre Kündigung und eine Pilgerreise die Wende brachten: Auf ihrem Weg nach Rom lernte sie viele Pensionisten kennen. Sie inspirierten die damals 30-Jährige zu einer neuen Geschäftsidee.

Übersetzerin, Produktionsassistentin, Dialog Coach, Junior Producerin, Cutterin und Redakteurin: In der langen Zeit ihrer Arbeit in der Filmbranche war Klaudia Bachinger in vielen Jobs tätig – anfangs als Freelancerin, wie beim Film sehr oft üblich, und dann in einer fixen Anstellung. Zum Film kam die studierte Romanistin und Medienwissenschafterin über Umwege: „Mein erster Job beim Film war Übersetzerin. Ich war damals Dolmetscherin für einen Kameramann und fand es am Filmset sehr spannend. So bin ich eigentlich in diese Branche reingestolpert“, schildert Bachinger, die diesen Weg trotz ihres Studiums der Medienwissenschaften nicht angestrebt hatte. Dennoch gibt sie offen zu: „Es hat natürlich schon geholfen, dass ich durch das Studium bereits viel Einblick in die TV- und Radio-Produktion hatte.“

Die Arbeit geliebt und doch gekündigt

Klaudia Bachingers Romanistik-Sprachen sind Französisch und Portugiesisch. Beim Film kamen aber vor allem ihre perfekten Französisch-Kenntnisse zum Einsatz. „Vor meinem Studium lebte ich ein Jahr in Paris und beherrschte die Sprache dementsprechend gut.“ An ihre Jahre beim Film denkt Bachinger heute noch gerne zurück: „Ich habe es geliebt, vor allem die Selbstständigkeit und das Projektarbeiten. Ich kann mir durchaus vorstellen, irgendwann wieder dorthin zurückzugehen.“ Dennoch kündigte die gebürtige Oberösterreicherin 2016 nach zweijähriger Anstellung – ihren Job bei einer Produktionsfirma.

Der Grund dafür waren nicht nur Meinungsverschiedenheiten mit ihrem damaligen Chef: „Ich hatte herausgefunden, dass mein Assistent mehr verdiente als ich.“ Sie zog also einen Schlussstrich und wurde arbeitslos. Die Arbeitslosigkeit war aber nicht ihr größtes Problem. „Das Schwierige war für mich vielmehr die Frage: Will ich wieder in die Branche zurück oder will ich etwas Neues machen?“ Die leidenschaftliche Wanderin folgte ihrem Bauchgefühl und suchte die Antwort auf dem Weg einer vierwöchigen Pilgerreise.

Schritt für Schritt zum Start-up

Ihr Alleingang in Rom brachte tatsächlich eine Wende: Auf dem Pilgerweg begegnete sie hauptsächlich Pensionisten. Im regen Austausch mit ihnen erfuhr Klaudia Bachinger, dass sie mit ihnen vor allem eines gemeinsam hatte: die Orientierungslosigkeit. Bachinger: „Menschen, die rund doppelt so alt waren wie ich, stellten sich die gleiche Frage: Was bringt die Zukunft? Bei mir ging es um meine berufliche Zukunft, aber diese Pensionisten waren ebenso orientierungslos. Sie wussten nach dem Ende ihres Arbeitslebens nicht mehr, wie es weitergeht.“

Mit einer Idee im Rucksack, die sowohl ihrer eigenen beruflichen Zukunft als auch Seniorinnen und Senioren eine Perspektive geben sollte, machte sie sich wieder auf den Weg nach Wien. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete sie 2017 die Online-Plattform WisR , eine Art Jobplattform für Silver Ager. WisR vermittelt Menschen, die in ihrer Pension aktiv am Arbeitsleben teilnehmen möchten und bringt sie auf seiner Plattform mit Unternehmen zusammen, die Mitarbeiter/innen für Teilzeitjobs oder Projekte suchen. WisR erhält dafür eine Vermittlungsgebühr. Finanzielle Unterstützung für ihr Start-up fanden die drei Co-Founder in Form einer Förderung durch die Wirtschaftsagentur Wien und über Fremdkapital von Investoren, sogenannten Business Angels.

Unternehmerin werden – ein Lernprozess

Mit bald einigen tausend registrierten User/innen und hunderten Unternehmen lief das Start-up gut an und beschäftigte in Spitzenzeiten bis zu zwölf Mitarbeiter/innen. „Trotzdem habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob ich eine gute Unternehmerin bin. Heute bin ich überzeugt davon“, sagt Bachinger, die im November 2020 zur „Österreicherin des Jahres“ in der Kategorie Start-ups ausgezeichnet wurde. Vergeben wir die Auszeichnung von der Tageszeitung „Die Presse“, dem BM für europäische und internationale Angelegenheiten, der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, den Österreichischen Lotterien, dem ORF, der Wirtschaftskammer Österreich, der Stadt Wien und dem Verbund.

Der beste Beweis dafür, dass sie eine gute und vorausdenkende Unternehmerin ist: Ein neues Geschäftsfeld sicherte den Weiterbestand des Unternehmens auch in der Covid-19-Krise als die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt einbrach. WisR entwickelt derzeit eine Softwarelösung für Unternehmen, die bei Personalbedarf aus ihrem eigenen Pool an ehemaligen Angestellten schöpfen wollen. Die früheren Mitarbeiter/innen werden eingeladen, ihr Profil mit ihren Erfahrungen, Fähigkeiten und Interessen betreffend der Art und Ausmaß einer zukünftigen Anstellung anzulegen. Unternehmen haben so weiterhin die Möglichkeit, mit ehemaligem Personal in Kontakt zu treten.

Im Einsatz für wertschätzendes Offboarding

Dieses „Alumni-Netzwerk“ für Unternehmen ist auch eine Chance zum wertschätzenden Offboarding, das laut Klaudia Bachinger immer wichtiger wird und daher auch professionelle Beratung erfordert: „Wir beraten Firmen zum Beispiel darin, wie man Menschen im Unternehmen für die Pension vorbereitet und wie der Wissenstransfer bestmöglich gelingt.“ Aktuell macht WisR Workshops mit einigen österreichischen Banken sowie dem Bundesrechenzentrum. „Gerade in der Verwaltung werden in den nächsten Jahren 44 Prozent der Mitarbeiter/innen in Pension gehen.

Das betriebliche Lernen, wie ein wertschätzender Offboardingprozess funktioniert ist hier von größter Wichtigkeit. Das Ziel muss sein, mit dem Arbeitsleben positiv abschließen zu können. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, das Unternehmen auch weiterhin unterstützen oder gut über den ehemaligen Arbeitgeber sprechen“, erklärt die 35-Jährige, die selbst noch lange Zeit bis zu ihrer Pensionierung hat. Wer weiß, vielleicht landet sie genau dann doch wieder beim Film.