Stell‘ dir vor, du würdest jemandem vom Christkind erzählen und die Person kennt es nicht. Zumindest in Österreich wärst du ziemlich verwundert. Weihnachtsbräuche gibt es tausende in einer globalisierten und kommerzialisierten Welt.

Ursprüngliche Bedeutungen gehen oft verloren oder verändern sich. Ganz neue Rituale kommen auf. Für den WIFI-Blog haben wir einige nicht so bekannte Bräuche gesammelt!

Der Christbaum muss baden gehen

Da haben wir beispielsweise das Christbaumtauchen, das in vielen österreichischen Seen oder Flüssen stattfindet. Sie haben richtig gelesen: In einem Gewässer versenkt man in der Adventszeit einen Christbaum, der dann später, meist am 25. Dezember, wieder raufgeholt wird. Den Ursprung hat dieses Ritual im oberösterreichischen Gmunden, wo man so seit ca. 40 Jahren den Verunglückten gedenkt.

Ebenfalls ein Gedenktag ist der 28. Dezember, der Tag der unschuldigen Kinder. Er geht auf den Kindermord in Bethlehem zurück. In der Steiermark und in Kärnten z.B. gehen Kinder von Haus zu Haus, „schlagen“ mit einer Rute auf Erwachsene ein und sagen dabei ein G‘setzerl auf, das so oder so ähnlich geht:

Frisch und g’sund, Frisch und g’sund
laung leb’n und g‘sund bleib’n
nix glunz’n, nix klog’n,
bis i wiederkumm schlog’n!

Abschließend bekommen die Kinder trotzdem ein kleines Geschenk oder Geld.

Tiere sprechen in der Weihnachtsnacht

Mystisch wird‘s am Heiligen Abend in ländlicheren Gegenden. Einem Aberglauben nach, können Tiere in der Weihnachtsnacht sprechen. Wundern Sie sich also nicht, sollten Sie Menschen innehaltend und gespannt lauschend beobachten. Das kann übrigens auch am 21. Dezember, dem Thomastag, passieren – einem sogenannten Lostag. Das umgangssprachliche „losen“ bedeutet hören. Gemeint ist damit nichts anderes, als dass man in der Natur Achtsamkeit übt, hinhört, was die Welt einem sagen möchte und dann vielleicht sogar ein Zeichen erhält.

Zukunftsvorhersagen erhofft man sich auch von Zweigen. Man schneidet am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, Äste von Kirschen oder anderen Obstbäumen ab, frischt diese im Haus ein, und hofft auf ein Erblühen zu Weihnachten. Passiert dies, geht ein Wunsch in Erfüllung oder man hat Glück im nächsten Jahr. Mancherorts, z.B. in Tschechien, sieht man beim Anblick des Erblühens auch eine Hochzeit bevorstehen. Manchmal versehen junge Mädchen auch einzelne Zweige mit Namenskärtchen: Jener, der als erstes blüht ist wahrscheinlich der zukünftige Bräutigam.

Weihnachten ist auch das Fest der Liebe

In Japan wird Weihnachten richtig groß geschrieben. Aber nicht als traditionelles Familienfest, sondern als Fest für Verliebte und Paare. Santa Claus kommt zwar am 24. oder 25. für die Kinder – Weihnachten zeigt sich hier aber in einem Valentinstag-artigen Szenario mit eigenen Veranstaltungen für Liebeshungrige. „Traditionell“ isst man beim Fastfood-Lokal KFC!

Ohne bedeutendes religiöses Motiv dahinter wird auch in China das romantische Drumherum kommerziell genutzt: Ganze Einkaufszentren sind weihnachtlich dekoriert, nicht selten trifft man auch auf Weihnachtsmänner. Die Bedeutung von Weihnachten kann man mit dem Halloween-Import in Österreich vergleichen.

Weihnachten mal richtig gruselig

Nicht ganz so romantisch spielt sich‘s im westafrikanischen Liberia ab: Hier kommt nicht der Weihnachtsmann, sondern der „Teufel“ (Bayka). Er hat auch keine Geschenke, sondern möchte diese von den Menschen bekommen.

Noch wilder wird‘s ausgerechnet in dem Land, in dem es Gerüchten zufolge eine eigene „Elfenbeauftragte“ und 13 (!) Weihnachtsmänner gibt: Island. Jólakötturinn, die Weihnachtskatze, ist riesig und schaut furchterregend zerfleddert aus. Zu Weihnachten soll sie um die Häuser streunen auf der Suche nach Beute: Das sind Menschen, die zu Weihnachten keine neue Kleidung tragen. Aufgebracht wurde dieser Glaube um Arbeiter/innen unter Druck zu setzen, damit die Herbstwolle auch sicher vor Weihnachten fertig wird …

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Spiel, Spaß – und Fäkalien

Richtig lustig hat man es hingegen in Spanien. Seit über 200 Jahren spielt man vor Weihnachten Lotto, die große Ziehung ist am 22. Dezember. Der Hauptgewinn, El Gordo genannt, ist im wahrsten Sinne des Wortes: fett. Vom Spielfieber gepackt, wird auch privat am Heiligen Abend, in der Noche Buena, gelost. Dazu hat man eine Schicksalsurne, die manchmal ein kleines Geschenk ausspuckt, manchmal nicht. Dabei geht aber niemand leer aus, denn man spielt üblicherweise, bis jede/r ein Geschenk hat. Und: die eigentliche Bescherung ist sowieso erst am 6. Januar.

Spanien ist aber nicht gleich Spanien. Die Katalanen kennen etwas, das garantiert für noch mehr Unterhaltung sorgt – Achtung, jetzt wird‘s ein bisschen grauslich: El Caganer ist eine zusätzliche Krippenfigur, die mit runtergelassener Hose ihr Geschäft verrichtet. „Das Scheißerle“ wird etwas abseits von der Heiligen Familie platziert. So negativ wie man nun meinen möchte ist die Bedeutung aber nicht. Es geht wahrscheinlich darum, einen natürlichen Kreislauf und Fruchtbarkeit zu versinnbildlichen. Auch von der Katholischen Kirche wird die Figur als Glücksbringer geduldet; berühmte Menschen wie Politiker/innen fühlen sich sogar „geehrt“, wenn sie als Caganer dargestellt werden.

Ein paar Eindrücke vom berühmtesten Hersteller gibt’s auf YouTube.

Grüne Weihnachten

Feliz Navidad heißt es auch in Mexiko. Wer sich jetzt mit Kerzen und Lichterketten dekorierte Kakteen vorstellt, sollte einerseits vielleicht sein Weltbild überdenken, hat aber andererseits nicht ganz unrecht: Die Deko ist bunt und vielseitig, farbenprächtige Plastikbäumen gibt‘s in nahezu allen Variationen. Und ja, auch der eine oder andere Kaktus wird mit Lichterketten behängt.

Sehr viel Wert legt das katholische Mexiko aber auf religiöse Riten, wie die vorweihnachtlichen Posadas, die die Herbergsuche von Maria und Josef nachspielen. Vor allem Kinder freuen sich dabei auf die Piñatas. Das sind Figuren oder Sterne aus Pappmaché, gefüllt mit Süßigkeiten oder kleinen Geschenken. Auf sie schlägt man so lange ein, bis sie kaputt werden und der Inhalt herauspurzelt.

Dewey aus der Fernsehserie Malcolm Mittendrin hat dabei zu viel Zucker erwischt …

Einmal ist keinmal!

Auch Italien hat seine Besonderheiten. So feiert man Weihnachten gleich mehrmals: Am 6. ist der Nikolaustag, San Nicola. Den 8. Dezember nutzt man zum Dekorieren, Christbaum und Krippen werden auf Vordermann gebracht. Am 13. feiert man die Heilige Lucia, vor allem auf Sizilien. Den 24. Dezember verbringt man mit der Familie, geht in die Messe. Am 25. gibt‘s ein richtiges Festmahl und in immer mehr Haushalten auch Geschenke. Traditionell ist aber erst am 6. Jänner Bescherung. An diesem Tag kommt nämlich La Befana, die gute Hexe. Sie fliegt auf einem Besen von Haus zu Haus, steigt durch Schornsteine in Wohnungen ein und bringt Kindern entweder liebe Kleinigkeiten oder schwarze Kohle.

Die Verstorbenen essen mit!

Der 24. Dezember ist bei strengen Katholiken ein Fastentag. Deshalb kommt bei Gläubigen in Bulgarien hauptsächlich Veganes auf den Tisch. Fleisch, Milch und Eier findet man bei den sieben bis neun Gerichten nicht. Hier lässt man das Essen über Nacht stehen, damit – jetzt kommt‘s – die verstorbenen Vorfahren auch noch etwas davon haben.

Ebenfalls fleischlos hält man‘s an Heiligabend (Wigilia) in Polen. Dafür gibt es sogar zwölf Gerichte und immer ein extra Gedeck für einen unerwarteten Gast. Man weiß ja nie, wer noch kommt …

Wir finden: Gastfreundlicher geht‘s kaum.

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